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Monte Azul – Ein Klopfen an der Tür

Man schrieb das Jahr 1975, als die deutsche Lehrerin Ute Craemer, die Brasilien schon aus zwei Jahren Entwicklungshelfertätigkeit kannte, ihre Koffer packte und nach São Paulo ging, um in der dortigen Waldorfschule zu unterrichten. Mit den Kindern eines benachbarten Elendsviertels, die zu dieser Zeit immer wieder an die Tür ihres Hauses klopften und sie um ein wenig Nahrung baten, begann die Geschichte einer Initiative, die heute weit über Brasiliens Grenzen hinaus Vorbildcharakter besitzt und das Leben vieler Menschen nachhaltig verändert hat.

Ute, 1938 geboren, wusste aus eigener Erfahrung nur zu gut, was Armut bedeutet – ihre Mutter selbst war in den Folgen des Zweiten Weltkriegs mittellos geworden und zum Betteln gezwungen. So sah Ute auch schnell, dass diese Kinder viel mehr bedurften als nur Essbares. Eines Tages nahm sie deren Einladung an und besuchte sie in ihren Behausungen in der damals noch namenlosen Nachbarschaft – Baracken aus Abfallholz, Wellblech, Lehm, zwischen denen Rinnsale von Fäkalien und Abwasser hindurchflossen.

Ute gab nicht nur Nahrung und Kleidung, sie ließ die Kinder auch in ihrem Garten spielen und basteln. Schenkte ihnen damit ein Stück Kindheit. Sie begann zu den Hüttenbewohnern zu gehen, ihnen zuzuhören, sie als Menschen zu behandeln. Schenkte ihnen damit ein Stück Würde.

Ihr Garten füllte sich mehr und mehr mit Kindern. Nach dem Gespräch mit der Mutter eines ihrer Waldorfschüler machte sie schließlich ihrer 7. Klasse den Vorschlag, den armen Slumkindern gemeinsam zu helfen. Ihre Schüler waren begeistert und steuerten sofort viele Ideen bei. Und Ute sah, dass in diesem Austausch zwischen zwei Welten mehr entstand als die Summe seiner Teile, dass beide Seiten gewannen. Sie fing an, Geld für eine feste Einrichtung zu sammeln. Als Bittstellerin an die Türen klopfend, so wie die Kinder bei ihr, aller Schamgefühle zum Trotz. Durch die großzügige Spende eines deutschen Rechtsanwalts konnte sie 1979 schließlich in Zusammenarbeit mit den Favelabewohnern ein erstes Gebäude mit Krippe, Kindergarten und Hort errichten. Dies war die Geburtsstunde der „Associação Comunitária Monte Azul„, für die Ute schließlich ihren Lehrerberuf kündigte. Und so ihr Leben ganz der Arbeit für die Ärmsten verschrieb. Mit ihrem Wirken, mit ihrer Bereitschaft, sich selbst zu geben, ist sie eines meiner größten Vorbilder.

Mittlerweile sind bereits weit über 1000 Kinder und Jugendliche in das Programm eingebunden. Die Associação verfügt heute über mehr als 200 bezahlte Mitarbeiter und 70 freiwillige Helfer aus aller Welt. Es gibt ein eigenes Krankenhaus mit Geburtsstation, eine Schule, Kinderbetreuungsmöglichkeiten, Werkstätten. Die Wellblechhütten sind Häusern aus Stein gewichen, jedes von ihnen verfügt über Strom, fließend Wasser und ist an das öffentliche Abwassersystem angeschlossen. Mit der positiven Folge, dass Monte Azul in diesem Jahr der Favela-Status aberkannt wurde, eine unglaubliche Aufwertung für die Bewohner.

Mein eigener kleiner bescheidener Beitrag zu diesem großen Werk ist, einmal wöchentlich in der „Central de Oportunidades“ Jugendlichen und Jungerwachsenen, die ins Berufsleben eintreten möchten, Mathestunden zu geben. Sie erhalten dort einen zweiwöchigen „Crashkurs“, der ihnen die notwendigsten Grundlagen vermitteln soll, alles auf einfachstem Niveau.

Die „Casa Amarela“, das gelbe Haus mit der bunten Schrift, ist dann mein „Arbeitsplatz“. Hier lösen die fleißigen Schüler Matheaufgaben… 🙂

Im Vordergrund sind einige der zehn Computer zu sehen, die ich der Humboldtschule als Spende für Monte Azul abgewinnen konnte, da gerade neue Geräte angeschafft wurden. Und wer nicht glaubt, das dies alles inklusive Monitor, Maus und Tastatur nebst einem Fax aus privater Spende plus Fahrer in einen Peugeot 206 passen kann, den sollen folgende Bilder überzeugen :):

Am Mittwoch im Club der Reichen Ringtennistraining, am Donnerstag am unteren Rand stehenden Jugendlichen Mathestunden zu geben – auch das zwei völlig getrennte Welten. Die jedoch nächstes Jahr auf wundersame Weise zusammenwachsen können. Denn die Leiterin der Ringtennisabteilung des Club Atléthico Paulistano, Cida, vor deren Engagement und Tatkraft ich den Hut ziehe, möchte über unseren Sport sozial tätig werden. Außerhalb des Clubs Trainingsstunden für ärmere Kinder anbieten. Und, wie sie auf unserer gemeinsamen Weihnachtsfeier verkündete, anfangen in – Monte Azul!

Was wäre die Welt, wenn niemand den Mut hätte anzuklopfen.
Was wäre die Welt, wenn wir nicht bereit wären zu öffnen.