Monatliches Archiv für August, 2011

Centro Histórico de São Paulo

Liberdade

Nach einer eher frustrierenden Woche voller Kopfschmerzen und schlecht zu ertragendem Dauerlärm (São Paulo schläft nie, auch tief nachts nicht, und ganz oben in den Hochhäusern dringt von allen Seiten Geräusch herauf…) und zudem noch kaltem, unwirtlichem Wetter war der Sonntag mit einer Stadtführung bei strahlendem Sonnenschein ein echtes Highlight. Geleitet wurden wir diesmal von einem „echten Brasilianer“, Thomas‘ Sprachlehrer Luis. Wir, eine kleine Gruppe von hauptsächlich KollegInnen der Porto Seguro (der anderen Deutschen Schule) starteten im japanischen Viertel (Liberdade), das seit 1908 Ziel und Heimat vieler asiatischer Einwanderer geworden ist und durch seine besondere Architektur auffällt (unter anderem die traditionellen japanischen Laternen, die viele Straßen schmücken). Liberdade ist mit ca. 400.000 japanischen Einwohnern die größte Kolonie außerhalb des Inselstaats und bietet ein wenig asiatisches Flair inmitten der südamerikanischen Riesenmetropole.

Liberdade

Luis (Mitte), Regina und Thomas

Catedral da Sé

Unter Leitung des deutschen Architekten Max Emil Hehl begann 1913 der Bau des Kirchengebäudes. Doch erst 1954 wurde die mit 110 m Länge viertgrößte neugotische Kathedrale der Welt anlässlich der 400-Jahrfeier São Paulos geweiht. (Es bleibt zu hoffen, dass die zur WM ’14 geplanten Stadionneu- und -umbauten etwas schneller fertig werden…)

Catedral da Sé (Rückansicht)

Kirchenschiff

auch hier trifft man Verwandte (allerdings schlug eine Gesprächsanbahnung leider fehl...)

Praça da Sé mit Paulusfigur

Der Kathedralplatz (Praça da Sé) bildet den „Nullpunkt“ São Paulos. Von hier aus gesehen beginnt sternförmig die Zählung der Hausnummern aller Straßen der Stadt. Die Hausnummern werden als Entfernung in Metern jeweils vom Beginn der Straße aus angegeben. Mitten auf dem Platz steht eine Statue des (heiligen) Apostel Paulus, dem Namensgeber der Stadt. Der vom grausamsten Christenverfolger Saulus zum glühendsten Gottesverehrer und -verkünder wurde; Verfasser des Hauptteils des Neuen Testaments, Dichter des „Hohelieds der Liebe“.

Casa Anchieta

Nur wenige Fußminuten von der Praça da Sé entfernt liegt die Wiege São Paulos, sozusagen das Ur-Ei, das die sechstgrößte Metropolregion der Welt hervorbrachte. Auf einem Hügel zwischen zwei Flüssen gelegen, in der Nähe eines Indianerdorfes, lasen hier am 25. Januar 1554, dem Gedenktag der Bekehrung des Saulus zum Paulus, die Jesuitenpater Manuel da Nóbrega und José de Anchieta in einer gerade neu gegründeten Missionsschule die erste Messe. Dieser Tag gilt offiziell als das Gründungsdatum São Paulos.

Casa Anchieta (rechts) mit Kapelle

Vom ursprünglichen Gebäude sind noch die Türen und eine Lehmwand erhalten, die man bewundern kann, wenn man in ein kleines Café tritt, das im Innenhof des heutigen Museums liegt (in dem es den schönen Cappucino mit Milchschaum-Smiley gibt… letztes Mal sogar mit Herz… :)).

São Paulo blieb lange Zeit weitgehend unbedeutend. Der europäische Kaffee-Boom, der im Laufe des 19. Jahrhunderts einsetzte, verbunden mit der Abschaffung der Sklaverei 1888 zog dann viele europäische und asiatische Einwanderer ins Land, die sich als Arbeiter auf den Kaffeeplantagen verdingten (und die Sklavenarbeiter ersetzten). Mit dem großen Börsencrash 1929 in New York und dem damit verbundenen massiven Verfall der Kaffeepreise verloren viele Landarbeiter ihre Beschäftigung und zogen in die Städte. Bereits 1934 erreichte São Paulo Millionengröße. In und nach den Wirren des Zweiten Weltkriegs kam es nochmals zu einer großen Einwanderungsbewegung, sodass sich bis 1950 die Einwohnerzahl bereits auf zwei Millionen verdoppelte. Heute beträgt die Bevölkerungsdichte 7150 Einwohner pro Quadratkilometer – sie liegt damit mehr als dreimal so hoch wie in Hamburg – bei einer Bevölkerungszahl (allein im Stadtgebiet) von gut 11 Millionen Menschen. Ganz schön voll hier! 😉

Edifício Martinelli

São Paulo war bereits zur Wirtschaftsmetropole geworden, als der italienische Einwanderer Guiseppe Martinelli 1924 mit dem Bau eines Hochhauses begann, das zum höchsten Gebäude Lateinamerikas seiner Zeit werden sollte. Zuerst für zwölf Stockwerke konzipiert und genehmigt (fünf waren bis dahin die Regel) fand er zunehmend Gefallen an Höhe und ließ über Jahre völlig ungehindert weiter Etage um Etage aufsetzen. Aus zwölf wurden vierzehn, dann achtzehn. Im Jahr 1928 war das Gebäude bereits zwanzigstöckig. Martinelli wurde verhaftet, als er beim 24. Stockwerk anlangte, weil offenbar doch irgend jemandem auffiel, dass er für diese Höhe keine Lizenz hatte. Nach langem Hin und Her über die Zukunft des Gebäudes und die Zweckmäßigkeit von Hochhäusern an sich entschied schließlich eine Technikkommission nach Prüfung von Bausubstanz und Statik, die Höhe auf 25 Stockwerke zu begrenzen.

Edifício Martinelli

Doch Martinelli wollte unbedingt die Dreißiger-Marke erreichen. So griff er zu einer List und setzte auf das Dach des Hochhauses noch seine fünfstöckige Privatresistenz.

Martinelli-Dach

Mit 130 m Höhe überragte sein Werk lange Zeit alles in seiner Umgebung, bis die Staatsbank 1947 nachlegte und in umittelbarer Nachbarschaft ein noch höheres Gebäude errichtete. Beginn einer vertikalen Wachstumseuphorie, der in den Folgejahren viele historische Bauten zum Opfer fielen. Erst in den letzten Jahren kommt es langsam zu einem Umdenken…

Viaduto do Chá

Doch hin und wieder gelingt es, in den Fußgängergassen der kaum noch vorhandenen Altstadt einen kleinen Eindruck des damaligen Stadtbilds zu erhaschen…

Altstadtgasse

Getragen von einer deutschen Stahlkonstruktion, wurde 1892 das erste Viadukt São Paulos eingeweiht, die „Teebrücke“, die ihren Namen den bis zum Ende des 19. Jahrhunderts auf der anderen Seite befindlichen Teeplantagen verdankt. Sie führt über das Anhangabaú-Tal. Bereits knapp 50 Jahre später reichte die Kapazität des Stahl-/Holz-Konstrukts jedoch schon nicht mehr aus und dieses wurde durch einen breiten Spannbetonbau ersetzt.

Viaduto do Chá

Vale do Anhangabaú

Der Rio Anhangabaú fließt nur noch im Untergrund. Während der regenreichen Sommermonate Dezember bis Februar (238,7 mm Niederschlag im Januar – zum Vergleich: Hamburgs regenreichster Monat ist der Dezember mit 77,7 mm!) macht er sich jedoch bisweilen wieder bemerkbar, wenn er bei Starkregen anschwillt und einen im Anhangabaú-Tal befindlichen Autotunnel unter Wasser setzt, der im Volksmund nach seinem Erbauer denn auch nur liebevoll „Badewanne des Ademar“ genannt wird und nicht wenige Fahrer ins Schwimmen brachte. Läuft die Badewanne voll, hat dies Megastaus in alle Richtungen zur Folge, bis über die Stadtgrenzen hinaus.

Teatro Municipal

Am Ende des Viadukts liegt das 1911 eingeweihte neobarocke Theater, eines der wenigen Überbleibsel der Jahrhundertwende.

Teatro Municipal

Hier sind schon viele Berühmtheiten aufgetreten, Enrico Caruso, Maria Callas, Arthur Rubinstein – um nur einige zu nennen. Einige aus unserer Gruppe nutzten denn auch gleich die Gelegenheit, sich mit Konzertkarten einzudecken. Eines der noch erschwinglichen Vergnügen im ansonsten ultrateuren São Paulo.

Weiter ging es zur Praça da República mit seinen schönen Wasseranlagen und einem kleinen Markt, den Thomas und ich, ohne genau zu wissen, wie uns geschah, jeder mit einer bunten Hängematte in der Hand wieder verließen. Jetzt muss ich mir nur noch den passenden Garten dazu suchen… 😉

an der Praça da República

São Paulo Revers

Vieles an dieser Stadt glänzt nicht. Doch ihr ärmstes und traurigstes Bild sind die Menschen, die ohne Obdach ihr Leben auf der Straße fristen. Die Kehrseite der Medaille. Nicht nur ein paar. Viele. Nachts unter beleuchteten Brücken an stark befahrenen Straßen schlafend. Wo es kaum Ruhe gibt. Denn zu viele von ihnen sind im Schutz der Dunkelheit, die den Falschen schützt, schon ermordet worden.

Mit allem nötigen Respekt habe ich, unbeobachtet aus großer Entfernung, zwei Fotos gemacht; ein kleiner Eindruck. Irgendwo, hier unten, liegt meine Bestimmung.

 

 

 


		

Unterrichten unter Palmen :)

Alle, Schüler wie Kollegen, begegneten mir von Anfang an freundlich und zugewandt. Und doch war mir zunächst vieles fremd und ungewohnt. Deswegen habe ich der Schule und mir – zu Recht – drei Wochen Zeit gegeben, bevor ich schreibe. Ein Zeitraum, in dem ich das erste Mal echtes Heimweh bekam. Und zwar, als – wer sollte es glauben – in Hamburg die Schule wieder begann… (auch wenn es hier wunderschön ist: ASS, ich vermisse dich!!!)

Das Colegio Humboldt liegt in Interlagos (im selben Stadtteil wie die Formel-1-Rennstrecke). Die seit 1916 existierende Schule ist vor gut zehn Jahren auf dieses neue, weitläufige Gelände umgezogen und bietet hier Platz für 1300 Schöler (Gruß an die „Feuerzangenbowle“ ;)).

 

Eingangsgebäude

Schulhof mit Sportplatz

eines der drei Hauptgebäude

noch'n Schulhof - diesmal ohne Sportplatz 😉

Die Schule verfügt über ein eigenes Theater mit 400 Sitzplätzen.

Humboldt-Theater

Leider wird es nicht so stark genutzt, da es im Moment (noch) keine Theatergruppe an der Schule gibt. Auch keine wirklich nennenswerte Musikgruppe. Zwei Bereiche, die mir am Herzen liegen und die ich hier vermisse (natürlich auch die Streitschlichtung, aber dazu später). In eben diesem Theater wurden ein weiterer „Neuer“ und ich dem Schulkollegium vorgestellt, und dass ich dabei ein paar Sätze auf Portugiesisch verlor, kam gut an! Der Großteil des Kollegiums wie auch der Schüler sind Brasilianer.

Weit mehr genutzt wird die große Sporthalle. Und nebenan gibt es sogar noch eine eigene Schwimmhalle!

Sporthalle

Unterrichtsmäßig bin ich momentan überwiegend in der Oberstufe eingesetzt, da durch die recht großen Klassen dort Teilungsbedarf bestand; und so durfte/konnte/musste ich mich erst einmal wieder in Themen wie Kurvendiskussion und Vektorrechnung einarbeiten… 😉

Nach drei Wochen „läuft“ es hier schon wirklich gut. Ein Zeichen dafür ist für mich, dass im Unterricht gemeinsam gelacht werden kann… 🙂

Mit einigen Kollegen habe ich auch schon etwas zusammen unternommen, wie z. B. Fußball schauen (Deutschland – Brasilien!! – unsere Gruppe hat in der Kneipe die meiste Stimmung gemacht!! :)) oder Salsa tanzen (ohje, ich muss noch viel lernen…).

An der Schule geht alles so friedlich zu, dass hier die Einrichtung von Streitschlichtern wohl gänzlich fehl am Platz wäre, auch im Hinblick auf den kulturell etwas anderen Umgang mit Konflikten.

Aber ich bin ja gerade noch dabei anzukommen…

Fazit der ersten drei Wochen: Ich fühle mich wohl! 🙂

 

 

 

Mein (neues) Zuhause

Nach einem Monat in São Paulo will ich nun mal beschreiben, wie ich hier wohne. Im 27. Stock, ganz oben, habe ich in der Penthouse-Wohnung einer sehr netten Deutschen ein Zimmer mit Bad.

Die Wohnung geht über zwei Stockwerke. Unten sind die Schlafräume sowie Küche und Wohn-/Esszimmer. Geht man dann eine Treppe herauf, landet man zwischen Bar und Schrank im oberen Wohnzimmer…

nur gucken, nicht anfassen!! 😉

Doch das Beste kommt erst noch: Von hier aus geht es nämlich zur Dachterrasse…

Nach ein paar Schritten steht man im Freien…

…und hat einen gigantischen Blick…

Doch der absolute Knaller ist der…

Pool!!

Der Sessel ist mein Lieblingsplatz…
…ja, so lässt es sich leben… 🙂

Doch nicht zu vergessen lebt nicht jeder in dieser Stadt so glücklich…

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