Monatliches Archiv für November, 2011

Garagenparty

Im Gegensatz zu den Verabredungen, die ich in Hamburg teilweise lange Wochen im Voraus treffen musste, um selbst enge Freunde ab und zu sehen zu können, läuft hier vieles wesentlich spontaner ab. 🙂

So wurde ich am Samstagvormittag darüber informiert, dass am selben Abend der 12. Geburtstag des Sohnes eines der Bewohner hier aus erster Ehe, der am Wochenende des Öfteren zu Besuch kommt, mit einer Disco gefeiert werden würde. Natürlich hatte ich kein Geschenk, und es wurde mir auch offeriert, dass wegen des am Wochenende stattfindenden Formel-1-Rennens kaum nach irgendwohin ein Durchkommen sein würde.

Ich kam aber durch, und da ich seit kurzem eine Backform besitze, beschloss ich, einen ersten brasilianisch-deutschen Apfelstreuselkuchen als Geburtstagsgeschenk in die Röhre zu schieben.

Die Party (auch der Kuchen) war ein voller Erfolg. 🙂 Wieder einmal war die ganze Familie da, und mehr und mehr fühle ich mich als Teil von ihr. Es ist hier so unkompliziert, einfach dazuzugehören.

Getanzt wurde bei Discolicht und Nebeldampf bis in die späte Nacht hinein, und Erwachsene wie Jugendliche wie Kinder bewegten sich gleichermaßen ungezwungen auf dem (Beton-)Parkett.

Obwohl ich mich eigentlich für Techno nicht so erwärmen kann, riss es mich doch irgendwie mit. Und zwei Leute „tanzten“ Capoeira, was mich unglaublich beeindruckte. Einen davon sprach ich an, es stellte sich heraus, dass er ein Meister ist. Ich möchte diese Kampf-Tanzkunst lernen. Ich glaube, darüber viel über die brasilianische Kultur zu erfahren. Über das brasilianische Blut, das längst schon mein Herz erreicht hat.

In einer Tanzpause wurde die Geburtstagstorte feierlich präsentiert, mit Applaus gewürdigt und verteilt (meine ist die kleine runde im Vordergrund… :)).

Doch der Tag begann nicht so fröhlich, wie er endete. Der Gedanke daran, dass „mein“ Chor, Vocallegro, sein erstes Weihnachtskonzert ohne mich geben würde, ließ mich schon am Vorabend in Wehmut verfallen. Ließ mich eine ebensolche Mail an die Jungs verfassen. (Dass ich an jenem Abend einen wunderbaren Wein in einem unglaublichen Sonderangebot ausfindig machen und mich damit fürs nächste halbe Jahr bevorraten konnte, tröstete mich jedoch ein wenig… ;))

Ich bin selbst überrascht, wie stark die Bande sind. Wie viel mir, ohne sie bewusst als solche wahrgenommen zu haben, die Traditionen, die wir gemeinsam lebten, bedeuten.

 

 

 

 

Brasilianische Hochzeit

Was sich am Nachmittag und Abend des 6. November in den Sälen des luxuriösen 5-Sterne Hotels Gran Estanplaza in São Paulo abspielte, kann nur als gigantisch, unter kritisch-deutschem Blick vielleicht sogar als gigantomanisch bezeichnet werden. Auf jeden Fall war es die spektakulärste Hochzeitsfeier, die ich bislang miterleben durfte.

Geladen waren über 200 Gäste, die sich zur Trauung von Luis (einem der vier Söhne meiner brasilianischen Großfamilie) und Danielle in einem schön mit Blumengestecken ausgeschmückten Saal zusammenfanden.

Die Zeremonie wurde mit Herz und Witz von einem Pater der katholisch-reformierten Kirchengemeinde gehalten – eine Glaubensgemeinschaft, die mir bis zu diesem Zeitpunkt noch unbekannt war und die in vielen Bereichen die Toleranz an den Tag legt, die die römisch-katholische Kirche bisher vermissen lässt.

Danielle & Luis

Nachdem das Brautpaar glücklich vereint aus dem Saal geschritten war, öffnete sich überraschenderweise der Vorhang hinter dem Traualtar und ein riesiger Festsaal kam zum Vorschein, in den die Gäste über eine Doppeltreppe zu strömen begannen.

Unten waren unzählige Tische gedeckt und wunderbar dekoriert.

Kaum saß man am Platz, wurden schon Canapees gereicht und ein köstlicher Château Lafite-Rothschild floss ins Glas – und von dort zum finalen Bestimmungsort. 😉

Das anschließende Büfett stand der Qualität des Weins nicht nach. Leider war ich (damit) zu beschäftigt, um Fotos zu machen. 😀

Zum Glück ist mein Portugiesisch schon so weit fortgeschritten, dass ich mich auch mit meinen nicht-deutschen Tischnachbarn angeregt unterhalten konnte – und dabei gleich die nächsten Urlaubstipps bekam. 🙂

Wer es süß mochte, konnte nach den Hauptspeisen entweder vom Liebesapfelbäumchen naschen…

… sich am köstlichen Nachtisch-Büfett delektieren…

…oder sich das eine oder andere der unzähligen edlen Pralinchen auf der Zunge zergehen lassen. 🙂

Nach dem feudalen Speisen verdunkelte sich langsam das Licht…

…der Brautwalzer wurde getanzt und eine Band fing an zu rocken…

…der Saal rockte mit… 🙂

Natürlich durfte auch das traditionelle Brautstrauß-Werfen nicht fehlen…

Es wurde sich so darum gerissen, dass es plötzlich mehrere kleine Sträuße gab. Eine Rose habe ich auch noch abbekommen. 🙂

Den Heimweg trat ich, versehen mit einem Liebesapfel und einem schön verpackten „Abschiedsgeschenk“, das jeder Gast mit auf den Weg bekam, mit sehr gemischten Gefühlen an…

 

 

 

Angekommen

Nach vier Wochen in meiner neuen Behausung könnte man meinen, dass es nun an der Zeit wäre, mal etwas darüber zu berichten. Wer meine letzten Artikel gelesen hat, weiß, dass sich die Suche nach einer passenden Unterkunft nicht gerade einfach gestaltete. Zudem zeigt sich ja oft erst im Nachhinein, ob man die richtige Wahl getroffen hat. Doch, um es kurz zu machen: Ich habe es hier ausgesprochen gut getroffen!

Mein kleines Zwei-Zimmer-Häuschen, eigentlich mehr ein Annex, liegt auf dem Gartengrundstück einer brasilianischen Großfamilie, ganz in der Nähe der Schule. Auf dem recht großzügigen Gelände befinden sich insgesamt fünf Häuser: Die Eltern und die Familien dreier der insgesamt vier Söhne bewohnen jeweils eines, das letzte, ganz am Rand, ist an einen meiner Kollegen und seine Familie vermietet.

Und so sieht es bei mir aus:

Das ist der Küchen-/Wohnbereich von außen. Das Schlafzimmer schließt sich links an. Neben dem Palmenstamm rechts schimmert der Pool durch. 🙂
Und nun ein Blick nach innen:

offener Küchenbereich

Die leichten Spiegelungen kommen vom Fenster. In diesem Bereich gibt es zwei durchgängige Fensterfronten und im Schlafzimmer eine.

"Arbeitszimmer"

"Esszimmer"

Gleich um die Ecke liegt der schöne Pool. 🙂

Und hier merkte ich schnell, dass ich nicht nur geduldet, sondern willkommen bin. Während ich mich am Anfang recht schamhaft auf die rot-schwarzen Bänke am Rande verdrückte (man will ja, deutsch gedacht, niemanden stören oder sich aufdrängen), wurde ich schnell von der Dame des Hauses, die gerade auf einer Liege lag, aufgefordert, mir auch eine zu holen und mich dazuzulegen…

...so chillt es sich doch viel besser 🙂

Natürlich gehören zum Wohnen in einer Großfamilie, wie man sich denken kann, auch gewisse Verpflichtungen.

So bleibt es nicht aus, am gemeinsamen Churrasco teilzunehmen…

das ist Wilson, mein Vermieter 🙂

…mit den Kindern zusammen Buggy zu fahren…

(Hahaha, das war sooo lustig 😀 Wir waren zu fünft im Wohnviertel unterwegs – hier erlaubt. Diego, der am Steuer sitzt, ich auf dem Sitz daneben, das ältere Mädchen hinten stehend und die beiden kleineren Jungs rechts und links auf den Trittbrettern. Nur das ganz kleine Mädchen war nicht mit. Plötzlich kommen zwei Straßenköter, einer rechts, einer links, laut bellend an unsere Seite gelaufen, verfolgen uns und versuchen den Jungs in die Waden zu beißen. Wir haben so dermaßen gelacht 😀 Und dieselbe Runde gleich noch zweimal gedreht, weil’s so schön war.)

…oder Trampolin zu springen…

...man kann das Trampolin aber auch anders nutzen 🙂

Ziemlich viel Spaß macht es auch, auf meiner gerade gekauften Luftmatratze im Pool zu toben…

…oder einfach nur in der Hängematte „abzuhängen“…

Ich schäme mich fast noch zu berichten, dass ich von der Familie bereits zum Weihnachtsfest eingeladen bin … Und gestern zusammen mit 200 weiteren Gästen in einem feinen Hotel die Vermählung des vierten Sohns gefeiert habe…

So viel Gnade!