Monatliches Archiv für Dezember, 2011

Brasilianische Weihnacht

Tja, also, Weihnachten ist hier echt anders. Bei 30° C wird ein Schneemann nicht mal geboren, und ich fragte mich, ob Papai Noel hier eigentlich auch in dickem Mantel und mit Rentierschlitten ankommt… oder eher halbnackt auf dem Hoverboard… 😉 Seit einer Woche sind Sommerferien, Urlaubswetter, doch ich weile noch in São Paulo, da meine brasilianische Familie mich netterweise einlud, die Feiertage mit ihnen zu verbringen!! 😀

Wenn ich mich auch schon anpasse und mein Zimmer mit einem (wie praktisch) jährlich wiederverwendbaren, nicht nadelnden und zudem formvollendet gewachsenen Kunst-Tannenbaum schmücke…

brasilianische Tanne mit chinesischen Wurzeln 😉

…sollte wenigstens die deutsch-brasilianische Weihnachtsgans nicht fehlen! Es stellte sich jedoch als schwierig heraus, eine Gans für diese Zwecke käuflich zu erwerben. Die Tiere werden hier nämlich, wenn überhaupt, in Funktion eines Wachhunds gehalten – und wer isst schon seinen Hund?!? 😉 Traditionsgemäß wird in Brasilien, wie in Nordamerika, der Truthahn aufgetischt (den es natürlich auch noch gab, irgendwie mussten die knapp 30 Leute ja satt werden…).

Rotkohl war gefragt, frisch kein Thema – aber wo zum T… findet man Sternanis und Piment?!? Nun ja, all diese Probleme wurden letztendlich gelöst, der Rotkohl schlummerte wohlgewürzt im Kühlschrank, die Gans entspannt daneben.

Doch zunächst war in der Adventszeit Weihnachtsbacken angesagt. Ich habe hier so viel Kekse produziert wie in Deutschland in drei Jahren nicht – und sogar einen echten Dresdner São Paulo-Stollen!

Weihnachtsbacken Teil 1

Natürlich hatte ich immer fleißige Helfer, beim ersten Mal Thomas und später noch Ingo, beim zweiten Mal Max, den Sohn meiner deutschen Nachbarn, der die Rezepte mit neuen Ideen bereicherte. Das Foto zeigt insofern nur einen Ausschnitt der insgesamt viele Kilo schweren Backwaren (allein 3 kg Mehl verbraucht, ca. 1,5 kg Butter, über 1 kg Orangeat/Zitronat, 1 kg Mandeln, Sahne, Zucker, Schokolade…).

Doch auch ein Besuch der weihnachtlich geschmückten Avenida Paulista, der wichtigsten Straße im Zentrum, und des Ibirapuera-Parks bei Nacht ist ein Muss.

dieses Foto möchte ich mal meiner Kamera widmen 🙂

Ibirapuera-Park

Heiligabend bestand dann aus letzten Weihnachtseinkäufen und Vorbereitungen für die große Feier am Abend. Max kam noch vorbei, um ungestört ein Geschenk für seine Eltern zu basteln, und plötzlich war die ganze Casinha voll mit Kindern, die Stoff in verschiedensten Formen ausschnitten, zusammennähten und mit Reis füllten…

… während Lucas E. am Laptop saß und für die richtige Begleitmusik sorgte. 🙂

Gegen halb neun Uhr abends fanden sich dann die Gäste in Wilsons Haus ein, wo die Tische schon festlich gedeckt waren.

Das Bild zeigt aber nur einen Teil des Ganzen, denn insgesamt waren wir 16 Erwachsene und zwölf Kinder!! Bevor das Essen losging, wurde erst einmal Sekt getrunken, geklönt und viel fotografiert – während in der Küche die Braten langsam aber beständig abkühlten…

Ricardos Familie mit Janaína, Deanne, Ian und Diego

Wilsons Familie mit Paula, Gabi, Ana-Carolina, Lucas A. und Sophia

Beim Verkosten der Gans, die man mit ihren 2,3 kg eher als Leichtgewicht bezeichnen kann, zeigte sich, dass die eher wenig zartbesaiteten Tiere doch lieber weiter Häuser bewachen sollten. Aber die Füllung schmeckte prima, und auch der Rotkohl war gelungen. Außerdem gab es ja noch zwei Puten, einen Schinkenbraten, Fischauflauf und diverse Beilagen… 😉

Dann hieß es auf Papai Noel warten… Die Geschenke lagen schon unterm Baum verteilt, die Kinder scharten sich drumherum, bis er sich kurz vor Mitternacht endlich draußen vor dem Fenster blicken ließ. 😀

Er sieht zwar (fast) genauso aus wie der deutsche Weihnachtsmann, ist aber doch viel netter. Gar nicht streng, viele Späße machend, und niemand muss ein Gedicht aufsagen oder singen, um beschenkt zu werden! Er setzt sich gemütlich hin, nimmt sich viel Zeit, und jedes Kind, das das erste Päckchen von ihm überreicht bekommt, wird erst einmal ausgiebig geknuddelt. Brasilianisch eben.

Mit diesen Eindrücken verabschiede ich mich für dieses Jahr und wünsche euch frohe und besinnliche Feiertage und einen Jahreswechsel, bei dem es richtig kracht!! 🙂 Euer

weihnachts-engelchen

 

PS: Einen kleinen Wunsch hätte ich auch: mögen hier ein paar mehr Kommentare zu den Artikeln erscheinen… 🙂 Mal sehen, ob sich Papai Noel gnädig zeigt. 😉

 

 

 

 

Monte Azul – Ein Klopfen an der Tür

Man schrieb das Jahr 1975, als die deutsche Lehrerin Ute Craemer, die Brasilien schon aus zwei Jahren Entwicklungshelfertätigkeit kannte, ihre Koffer packte und nach São Paulo ging, um in der dortigen Waldorfschule zu unterrichten. Mit den Kindern eines benachbarten Elendsviertels, die zu dieser Zeit immer wieder an die Tür ihres Hauses klopften und sie um ein wenig Nahrung baten, begann die Geschichte einer Initiative, die heute weit über Brasiliens Grenzen hinaus Vorbildcharakter besitzt und das Leben vieler Menschen nachhaltig verändert hat.

Ute, 1938 geboren, wusste aus eigener Erfahrung nur zu gut, was Armut bedeutet – ihre Mutter selbst war in den Folgen des Zweiten Weltkriegs mittellos geworden und zum Betteln gezwungen. So sah Ute auch schnell, dass diese Kinder viel mehr bedurften als nur Essbares. Eines Tages nahm sie deren Einladung an und besuchte sie in ihren Behausungen in der damals noch namenlosen Nachbarschaft – Baracken aus Abfallholz, Wellblech, Lehm, zwischen denen Rinnsale von Fäkalien und Abwasser hindurchflossen.

Ute gab nicht nur Nahrung und Kleidung, sie ließ die Kinder auch in ihrem Garten spielen und basteln. Schenkte ihnen damit ein Stück Kindheit. Sie begann zu den Hüttenbewohnern zu gehen, ihnen zuzuhören, sie als Menschen zu behandeln. Schenkte ihnen damit ein Stück Würde.

Ihr Garten füllte sich mehr und mehr mit Kindern. Nach dem Gespräch mit der Mutter eines ihrer Waldorfschüler machte sie schließlich ihrer 7. Klasse den Vorschlag, den armen Slumkindern gemeinsam zu helfen. Ihre Schüler waren begeistert und steuerten sofort viele Ideen bei. Und Ute sah, dass in diesem Austausch zwischen zwei Welten mehr entstand als die Summe seiner Teile, dass beide Seiten gewannen. Sie fing an, Geld für eine feste Einrichtung zu sammeln. Als Bittstellerin an die Türen klopfend, so wie die Kinder bei ihr, aller Schamgefühle zum Trotz. Durch die großzügige Spende eines deutschen Rechtsanwalts konnte sie 1979 schließlich in Zusammenarbeit mit den Favelabewohnern ein erstes Gebäude mit Krippe, Kindergarten und Hort errichten. Dies war die Geburtsstunde der „Associação Comunitária Monte Azul„, für die Ute schließlich ihren Lehrerberuf kündigte. Und so ihr Leben ganz der Arbeit für die Ärmsten verschrieb. Mit ihrem Wirken, mit ihrer Bereitschaft, sich selbst zu geben, ist sie eines meiner größten Vorbilder.

Mittlerweile sind bereits weit über 1000 Kinder und Jugendliche in das Programm eingebunden. Die Associação verfügt heute über mehr als 200 bezahlte Mitarbeiter und 70 freiwillige Helfer aus aller Welt. Es gibt ein eigenes Krankenhaus mit Geburtsstation, eine Schule, Kinderbetreuungsmöglichkeiten, Werkstätten. Die Wellblechhütten sind Häusern aus Stein gewichen, jedes von ihnen verfügt über Strom, fließend Wasser und ist an das öffentliche Abwassersystem angeschlossen. Mit der positiven Folge, dass Monte Azul in diesem Jahr der Favela-Status aberkannt wurde, eine unglaubliche Aufwertung für die Bewohner.

Mein eigener kleiner bescheidener Beitrag zu diesem großen Werk ist, einmal wöchentlich in der „Central de Oportunidades“ Jugendlichen und Jungerwachsenen, die ins Berufsleben eintreten möchten, Mathestunden zu geben. Sie erhalten dort einen zweiwöchigen „Crashkurs“, der ihnen die notwendigsten Grundlagen vermitteln soll, alles auf einfachstem Niveau.

Die „Casa Amarela“, das gelbe Haus mit der bunten Schrift, ist dann mein „Arbeitsplatz“. Hier lösen die fleißigen Schüler Matheaufgaben… 🙂

Im Vordergrund sind einige der zehn Computer zu sehen, die ich der Humboldtschule als Spende für Monte Azul abgewinnen konnte, da gerade neue Geräte angeschafft wurden. Und wer nicht glaubt, das dies alles inklusive Monitor, Maus und Tastatur nebst einem Fax aus privater Spende plus Fahrer in einen Peugeot 206 passen kann, den sollen folgende Bilder überzeugen :):

Am Mittwoch im Club der Reichen Ringtennistraining, am Donnerstag am unteren Rand stehenden Jugendlichen Mathestunden zu geben – auch das zwei völlig getrennte Welten. Die jedoch nächstes Jahr auf wundersame Weise zusammenwachsen können. Denn die Leiterin der Ringtennisabteilung des Club Atléthico Paulistano, Cida, vor deren Engagement und Tatkraft ich den Hut ziehe, möchte über unseren Sport sozial tätig werden. Außerhalb des Clubs Trainingsstunden für ärmere Kinder anbieten. Und, wie sie auf unserer gemeinsamen Weihnachtsfeier verkündete, anfangen in – Monte Azul!

Was wäre die Welt, wenn niemand den Mut hätte anzuklopfen.
Was wäre die Welt, wenn wir nicht bereit wären zu öffnen.