Monatliches Archiv für Juni, 2012

Klassenreise auf brasilianisch

Seit einem knappen halben Jahr bin ich Klassenlehrer einer sehr netten sechsten Klasse. Eigentlich war ich noch gar nicht dran – aber einem Kollegen zum Dank, der kurz vor seiner Rückkehr nach Deutschland zu viel um die Ohren hatte und vor allem in dieser Zeit seine Ehefrau nicht allein in São Paulo lassen wollte, kam ich in den Genuss einer Klassenreise mit den 7. Klassen. In mein geliebtes Paraty! 🙂

Klassenreise auf brasilianisch. Das heißt, man muss sich als Lehrer quasi um nichts kümmern; alles wird bereits im Vorfeld von einer Reiseorganisation geregelt. Und auch der komplette Tagesablauf mit allen Unternehmungen, das Aufpassen nachts, einfach alles.

Mit zwei Reisebussen ging es an einem Montagmorgen Ende Mai frühmorgens los, sechs Stunden später landeten wir in einer gemütlichen Pousada, wo ich mein komfortables Einzelzimmer bezog. Zum Essen ging es in ein Restaurant und danach auf Stadterkundung.

Paraty besticht durch seine alten, gut erhaltenen Kolonialhäuser, die aus der Blütezeit der Stadt zurzeit der großen Goldfunde in Minas Gerais stammen. Das markante Kopfsteinpflaster „pé de moleque“ („Fuß des Straßenjungen“) wurde damals von Sklaven verlegt. Bei Flut werden Teile der Straßen mit Wasser überschwemmt, was in früheren Zeiten der Säuberung von Unrat diente.

Im Gegensatz zu meinem ersten Paraty-Aufenthalt (guckst du hier), hatten wir dieses Mal herrlichstes Wetter.

am Hafen

Nach einer ausführlichen Stadtführung durch einheimische Kräfte stärkten wir uns abends wieder im selben Lokal. Und dort war diesmal – und das sollte alle folgenden Abende so sein – eine Sängerin mit Pianist, die mit ihrer wunderbaren Stimme den Raum füllte. Die Schüler waren völlig losgelöst und sangen begeistert mit. Und spätestens als Adeles „Someone like you“ ertönte, hielt es niemanden mehr auf den Sitzen. Alle strömten vor die kleine Bühne, rissen die Arme hoch, sangen und tanzen, Mädchen wie Jungen. Für mich einer der emotionalsten Momente der Reise. Glücklich, dabei zu sein.

Someone like yooouu… 😀

Am nächsten Tag ging es in etwa andertalbstündiger Fahrt nach Paraty Mirim…

…und von dort aus mit kleinen Booten in den Saco de Mamanguá, den einzigen Fjord Brasiliens.

Dort lagen schon Kanus bereit, um die Mangrovenwälder zu erkunden.

Nach einigen theoretischen Einführungen in die Kunst des Kanufahrens ging es dann los…

…zunächst erfuhren wir einiges über die Kunst der Mangroven, im Salzwasser zu überleben…

…dann hieß es aussteigen und zu Fuß einen Fluss durchwaten…

…bis wir in ein kleines Dorf der Caiçaras kamen, einem Mischvolk aus Indios und Portugiesen, das sich hier angesiedelt hat und überwiegend von der Herstellung von Körben und Kunsthandwerk lebt.

Nach einem zünftigen Mittagessen und nachdem wir alle etwas über Holzschnitzarbeiten erfahren und selbst ein Miniatur-Holzboot angemalt hatten, ging es dann zu Fuß an Moorlandschaften vorbei…

…zurück zu den Booten und dem Sonnenuntergang entgegen…

Der dritte Tag bot mit dem Besuch des einzigen Atomkraftwerks Brasiliens einen krassen Gegensatz.

Das Schlimmste war eigentlich, dass der Mitarbeiter, der uns führte, der Atomkraft so dermaßen unkritisch gegenüberstand und auch die Lagerung des Atommülls und die damit verbundenen Probleme absolut verniedlichte. Aber das wurde durch die ständigen bohrenden Nachfragen und kritischen Bemerkungen unserer brasilianischen Lehrerin Irêne mehr als relativiert…

Nach dem wirklich anstrengenden und langen Tag ging es noch einmal in Paratys Altstadt, wo die Kinder für ein Dokumationsheft, das jeder im Laufe der Tage vervollständigte, ein Tuschebild malen sollten. Aufgrund des vorangegangenen Regens und der allgemeinen Erschöpfung war ich davon nicht sonderlich begeistert. Doch dieser Punkt stellte sich entgegen meinen Erwartungen noch einmal als absolutes Highlight heraus. Völlig vertieft lagen oder saßen fünfundsiebzig Kinder auf dem halbdunklen Markplatz am Boden und malten…

…während rings herum die Gebäude in sanftem Licht erstrahlten…

…und aus einem benachbarten Festzelt „Nothing else matters“ erklangt…

Am letzten Tag ging es noch in eine alte Cachaça-Fabrik (wichtiges Kulturgut ;)), ein Stück wandern auf dem alten, über 3000 km langen Indio-Pfad, der Paraty mit Minas verbindet und im 19. Jh. zu Goldtransporten benutzt wurde, und letztendlich baden in einem Wasserfall.

Eine rundum gelungene, gefüllte, glückliche Klassenreise. Die in Erinnerung bleiben wird. Und das Schöne ist: Im nächsten Schuljahr geht es mit meiner dann 7. Klasse noch einmal dorthin!!! 🙂