Feuer beim Karneval

Anders als z. B. in Salvador da Bahia mit seinem größten Straßenkarneval der Welt oder Recife mit seinen Trios Elétricos, großen Umzugswagen, von denen unablässlich Musik erklingt und die von einer riesigen Menschenmenge gefolgt durch die Straßen ziehen, verläuft die fünfte Jahreszeit in São Paulo  eher unspektakulär. Abgesehen von den gigantischen Karnevalsumzügen im Sambódromo, die nur gegen ordentliches Entgelt zu bestaunen sind, spielt sich auf den Straßen der Riesenmetropole bis auf einige Straßenfeste so gut wie gar nichts ab.

Da ich dem kommerzialisierten Defilieren nicht so viel abgewinnen kann, waren Thomas und ich nur am letzten Karnevalstag zur Bekanntgabe der Punkte im Sambódromo. Allerdings auch nur deswegen, da ich hörte, dass der diesjährige Gewinner noch einmal laufen würde. Eine Fehlinformation, wie sich recht schnell herausstellte. Eine überschaubare Menschenmenge wartete auf die Verkündungen der Punktrichter. Wir blieben aber doch, da Thomas mit einer Gruppe, Mocidade Alegre, in voller Kostümierung mitgelaufen und -getanzt und nun neugierig auf deren Abschneiden war.

Fans der einzelnen Karnevalsgruppen

Die Punktevergabe erfolgte in neun verschiedenen Bewertungskategorien, zu denen unter anderem fantasia (Kostüme), enredo (Parade-Thema) und bateria (Perkussion) gehören. Und das für 14 Gruppen, was einen gewissen Zeitaufwand bedeutete. Gegen Ende der Zeremonie kam es zunächst zu Unruhen, weil eine Gruppe sich ungerecht bewertet fühlte – dann sprang plötzlich ein Mann über die Brüstung, lief ungehindert auf den der Jury vorsitzenden Oberbürgermeister von São Paulo zu (auf dem Bild in der Mitte), schnappte sich die Zettel mit den Bewertungen, zerriss und verstreute sie und verschwand wieder in der Menge.

Jury bei der Punkte-Bekanntgabe

Das löste einen Massentumult aus. Die eh schon aufgebrachten Zuschauer waren nun total enthemmt und stürmten über Zäune und Absperrungen. Für Thomas und mich der Zeitpunkt, das Geschehen zu verlassen. Keine Minute zu früh, denn draußen fuhren schon Mannschaftswagen mit schwer bewaffneten Polizeikräften vor und die Straße wurde abgeriegelt.

Wir mussten also einen weiten Umweg außen herum laufen. Als wir uns der Rückseite des Sambódromos näherten, sahen wir schon von weitem eine dunkle Rauchsäule aufsteigen. Alle Motivwagen waren an einem Platz am Rande des Geländes geparkt. In einen von ihnen hat ein Fanatiker einen Molotow-Cocktail geworfen, und das Werk von Wochen und Monaten hingebungsvoller Arbeit wurde in wenigen Minuten zu Schutt und Asche.

Ein Motivwagen brennt (alle Fotos hier: Thomas)

Die Zeremonie musste abgebrochen werden und der diesjährige Gewinner, Thomas‘ Gruppe Mocidade Alegre, konnte erst Stunden später offiziell bekannt gegeben werden.

Kein schönes Kapitel in São Paulos Samba-Geschichte.

 

 

 

 

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